Pfadfinder und Scout-Philatelist
Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges flüchteten meine Eltern mit uns Kindern und Großmutti vor den Bomben der Alliierten nach Pernitz in NÖ. und danach vor den näherkommenden „Russen“, auf abenteuerlichen Wegen, weiter bis nach Tirol. Dort erlebten wir das Ende des Krieges, den Rückzug der Wehrmacht und den, vor unseren Fenstern vorbei rollenden Panzern, besetzt mit Schwarzen Menschen der US Army, die wir mit weißen Fahnen aus Bettlaken gefertigt, empfingen. Darauffolgend kam die Besetzung durch die Franzosen.
Im Sommer 1946 waren wir wieder in unserer zerbombten Heimatstadt Wiener Neustadt, wo wir, mehr schlecht als recht, dahin darbten. Wir Kinder spielten inmitten der Ruinen, suchten das bisschen Grüne zwischen den Mauern, für unseren Stallhasen als Futter. Bald fanden wir heraus, dass man mit dem Alteisen aus den Ruinen etwas Taschengeld verdienen konnte. Ich als Ältester (10 -11 Jahre alt) – fuhr zuerst mit unserer Mutter und dann allein aufs Land zum „Hamstern“. Grußmutti sagte: „Früher kamen die Bauern mit ihren Waren zum Verkauf in die Stadt“, - was uns allerdings unvorstellbar schien Schulunterricht war anfangs nur sporadisch möglich, später mit langen Unterbrechungen (Kohlenferien).
1948 wurde es langsam besser, trotzdem wurde ich zur Erholung mit einem Kindertransport für ein knappes halbes Jahr nach England geschickt – eine prägende Zeit für mich, in der ich auch zum ersten Mal Kontakt zu einem Pfadfinder hatte – indem er mich vor dem Ertrinken rettete!
Wie viele von uns Buben sammelte ich Briefmarken, vor allem österreichische, doch selbst die neu herauskommenden Ausgaben waren für die meisten von uns ein finanzieller Kraftakt. Vom Erwerb der „Renner- Blöcke“ konnten wir jedoch nur träumen. Ende 1948 kam ich auf Umwegen zu den Pfadfindern, die ich schon länger vom Theater kannte, da diese mit großem Erfolg regelmäßig Bühnenstücke aufführten. Als ich dazu kam, ahnte ich nicht, dass mich dieser Schritt mein ganzes Leben prägen würde. In dieser Zeit las ich auch in der Pfadfinder-Zeitschrift „Das Lagerfeuer“ einen kleinen Bericht über die Pfadfinder in Polen, von ihrem heldenhaften „Warschauer Aufstand 1944“, bei dem die Pfadfinder 63 Tage lang den Kontakt zwischen der zivilen Bevölkerung, die oft in Kellern Schutz gesucht hatten und sehnlichst auf Nachrichten von ihren Lieben warteten, mittels einer „Pfadfinderpost“ aufrecht hielten. Viele von ihnen verloren dabei ihr Leben – im Dienst für ihr Vaterland! „Es gäbe sogar Briefe mit eigenen Abstempelungen von diesem Postdienst“, stand da geschrieben. Ich war überaus beeindruckt, hätte aber nie gedacht, jemals so einen Brief in Händen halten zu können.
1951 wurde bei Bad Ischl in Österreich ein „Welt Jamboree“, ein Welttreffen der Pfadfinder, veranstaltet, an dem ich teilnehmen durfte – auch ein nie vergessenes Ereignis. Zu diesem Anlass kam sogar eine eigene Briefmarke heraus. Diese Marke war für mich der Beginn meiner, ein Leben lang anhaltende Sammlertätigkeit zum Thema „Scouting“. Es gab damals noch nicht viele Pfadfinder-Briefmarken und die es gab, waren sowieso für mich unerschwinglich. Katalog und Literatur waren unbekannt. Erst bei einem Besuch des Pfadfinder - Welt-Büros in London 1954 konnte ich mir von einer Schautafel, eine Liste der vorhandenen Ausgaben machen.
1956/1957 machte ich mich auf nach Australien. Dort kam ich natürlich in Kontakt zu der Pfadfinderbewegung. Dort fand ich auch eine kleine Broschüre, in der u.a. vom „Warschauer Aufstand 1944“ berichtet wurde. Zum ersten Mal las ich wieder davon und erfuhr, dass es mehrere verschiedene Abstemplungen auf diesen Briefen (oft Zettel) gab, darunter einen legendären „Kartoffelstempel“. Es gab jedoch keine Abbildungen oder weitere Informationen darüber.
Neben einigen wenigen Pfadfinder-Briefmarken, die ich so nebenbei erwerben konnte, fand ich, beruflich bedingt – und auch privat – kaum Zeit und Muße, mich mit Briefmarken zu beschäftigen. Nach einem fast sieben-jährigen Aufenthalt in Süd Australien kam ich 1963 mit meiner inzwischen gegründeten Familie nach Deutschland. Auch hier waren die ersten Jahre nicht leicht, so dass ich erst 1967/68 wieder Zeit fand, mich der Philatelie zu widmen. Vielleicht trug der „Prager Frühling“ mit seinen vielen Sonderstempeln dazu bei, Kontakte im In- und Ausland intensiver zu pflegen. Ich besuchte auch die großen Briefmarken- Ausstellungen in München und Wien, wo ich erstmalig Pfadfinder-Exponate sah, jedoch keinen Beleg vom „Warschauer Aufstand“.
Aber in Wien entdeckte ich eine Karte aus dem 1.WK. mit einem Stempel der „Deutsche Pfadfinderabteilung in Brüssel“, der mich dazu bewog, mehr über diese Pfadfinder-Abteilung zu erfahren. Doch ich fand so gut wie nichts darüber. Ich erfuhr jedoch von einem Pfadfinder-Archiv in Nordenham, nahe Bremen, fuhr hin und fand in „Westmann“, der das Archiv betreute, eine große Hilfe und entsprechende Informationen. Es dauerte aber noch eine ganze Weile, bis ich so einen Beleg ersteigern konnte. Da über dieses Engagement der deutschen Pfadfinder in Belgien 1914/18 so wenig bekannt war, entschloss ich mich, meine Erkenntnisse in einer Broschüre zu publizieren. So wurde ich auch Mitglied der Altpfadfinder-Bewegung.
Lange und immer wieder musste ich warten und suchen, bis ich endlich ein Angebot aus den USA erhielt – zwei Originalbriefe vom Warschauer Aufstand. Der Preis war zwar erheblich, aber da musste ich zuschlagen. Sogar meine Frau Zweite Auflage drängte mich zum Kauf, wusste sie doch, wie lange ich schon danach suchte. Es waren zwar keine Belege mit einem „Kartoffelstempel“, aber so etwas schien mir sowieso etwas Unmögliches. Einmal fuhr ich sogar bis zum Schwarzwald, weil in einer Auktion ein „Kartoffelstempel“ angeboten wurde. Diesen Beleg konnte ich sogar ersteigern, wie sich aber später herausstellte, war es eine Fälschung. Trotzdem hatte ich Glück, denn es stellte sich heraus, dass der Prüfer in der Schweiz ein Pole war, der sogar am Aufstand teilgenommen hatte und eine eigene große Sammlung von diesen Belegen vom Warschauer Aufstand besaß, die er mir zum Teil bei meinem Besuch zeigte. Durch ihn erhielt ich auch eine englische Monografie über diese Pfadfinderpost und zwei weitere Brief-Belege. Ich vertiefe mich immer weiter in diese Materie, so dass sogar meine Bekannten und Kollegen, den Begriff „Kartoffelstempel“ mit mir verbanden. Und tatsächlich wurde mir eines Tages eine ganze Sammlung angeboten. 26 Briefe für sehr viel Geld, aber ich war nicht mehr zu halten, diese musste ich haben, denn es war sogar ein Kartoffelstempel dabei!
Inzwischen hatte ich schon meine Exponate, zuerst 1970 Kandersteg, Schweiz ausgestellt. Dort hatte ich feststellen müssen, dass es niemanden gab, der nach der „eingeschlafenen“ deutschen Sammlergemeinschaft, berechtigt oder bereit war, für eine geplante internationale Dachorganisation, für Deutschland zu sprechen. Schon seit Soest hatten Günter Hohenstein und ich Kontakt aufgenommen und wir entschlossen uns, zur IBRA in Wuppertal ein Zusammentreffen von uns bekannten Sammlern zu organisieren. Dort kam es zur Gründung einer neuen Arbeitsgemeinschaft innerhalb des BDPh. Ich wurde zum Ersten Vorsitzenden gewählt. Dieses Amt hatte ich 13 Jahre lang inne mit einer Reihe von Höhepunkten, darunter die Teilnahme an der Pfadfinder-Weltkonferenz in München mit einem eigenen Info-Stand und einer Internationalen Ausstellung mit einem Sammlertreffen
In dieser Zeit war es mir auch gelungen die noch seltenere Variante des „Kartoffelstempels“ zu erwerben, von dem weltweit nur vier Stücke in privater Hand sind - ein absoluter Höhepunkt meiner Sammlertätigkeit!
Dazu kam noch ein weiteres „Schmankerl“, ein angebrannter Brief mit Pfadfinder- Frankatur von der Unglücksfahrt 1937, des letzten Zeppelins „Hindenburg“, der in New York bei der Landung abgebrannt ist. Eine Folge, des für mich erfüllten Lebenstraumes - der Besitz des (der) „Kartoffelstempel“ mündete in der Herausgabe einer Dokumentation in Form einer Broschüre und in PowerPoint-Vorträgen u.a. auf Einladung der Universität an Krakau, auch in Sulejówek/Warschau, in der Slowakei (Ruzomberok), in den USA (Washington D.C.), in Österreich (Wien) und zuletzt in Erlangen, wo meine Arbeiten als Grundlage zur Erstellung einer Wanderausstellung des Pilecki Institutes/Berlin diente und in vielen deutschen Städten gezeigt wurde und wird.
Die spektakulärste Frühverwendung einer Pfadfinder-Briefmarke findet man auf den berühmten Zeppelin Briefen, die nach dem Unglück bei der Landung am 1. Mai 1937 auf dem Flughafen Lakehurst bei New York, halbverbrannt gerettet werden konnten. Nur 17 Briefe mit der „Pfadfinder“ - Frankatur sind bekannt, zum Teil nur als Fragment erhalten Diese gehören ebenfalls zu den gesuchtesten Pfadfinder-Belegen überhaupt.
Gottfried Steinmann