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dt. Pfadf. in SWA

Geschichte

Deutsche Pfadfinder im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika
von Golf Dornseif / Manfred Rauschenberger




Bereits 1926 formierte sich eine Gruppe Pfadfinder in Windhuk und Swakopmund, während 1924 Ansätze in Tsumeb zustande kamen (siehe Karte).


Im April 1928 fand das erste Landestreffen der deutschen Pfadfindergruppen in Omaruru (nordwestlich Okahandja) statt. Während dieses Treffens folgte die Gründung des „Deutschen Pfadfinderbundes von SWA“ unter der Schirmherrschaft des Herrn Erich von Schauroth (ehemals Hauptmann der deutschen Schutztruppe).


Erich von Schauroth


Im Januar 1932 rief Frau Rust den Lüderitzbuchter Mädchenbund ins Leben, und im April organisierten die Jungen ihr zweite Landestreffen bei Okahandja.

Die Pfadfinder waren eine „patriotische Jugendbewegung“ nach Südwester-Tradition. Die Jugendlichen fühlten sich Südwestafrika (als Kolonie und Mandatsgebiet) aber auch dem „Reich“ in der Ferne verpflichtet. Sie trugen khakifarbene Hemden mit Weißdorn-abzeichen auf dem Ärmel, ein Halstuch und den seitlich hochgekrempelten Hut aus grauem Filz mit schwarz-weiß-roter Kokarde.
Ihre Fahne zeigte ein schwarzes Balkenkreuz auf weißem Grund mit Weißdorn und im linken oberen Feld die ehemalige Kriegsflagge des Kaiserreichs.



                   



In verschiedenen größeren Orten entstanden Pfadfindereinheiten.



 
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland kam es zur Gründung eines N.S.D.A.P. – Ablegers in Südwestafrika, was die Mandatsbehörden beunruhigte und zum Verbot jeglicher nationalsozialistischer Umtriebe führte.
Nach neudeutschen Methoden wurden bald Schritte unternommen, die deutschen Vereine zu infiltrieren, was auch die Jugendgruppen einschließlich der Pfadfinder betraf. Der aus Deutschland angereiste N.S.D.A.P. – Funktionär Erich von Lossnitzer verstand es, vielen Jugendlichen den Kopf zu verdrehen und sie der Hitler Jugend zuzuführen.

In der Ausgabe vom Juni 1934 veröffentlichte die Windhoeker Pfadfinder-Zeitschrift DER TROMMLER (eine Publikation des NSDAP-Auslandsdiensts, die kostenlos verteilt wurde) folgende Nachricht:

„Der neue Landesjugendführer für Südwestafrika hat am 3. Juni 1934 seinen Wohnsitz in Windhoek genommen. Das Büro findet man im alten Pfarrhaus, Postanschrift Postfach 24, Telefon 663. Er beabsichtigt bis Mitte Juli von Windhoek aus die Führung der deutschen Jugend zu übernehmen und wird seinen Reiseplan durch das ganze Land am Tag der Deutschen Jugend mit seinen Unterführern besprechen. Also vorwärts mit allen Jungen und Mädchen der Hitler-Jugend zum großen Jugendtreffen und Eurem Führer entgegen!
Heil Hitler! Gezeichnet Erich von Lossnitzer



Erich von Loßnitzer bei einer Ansprache vor Pfadfindern und Pfadfinderinnen


Natürlich hat man die Pfadfinderfahne der „neuen Zeit“ angepasst: Die ehemalige Kriegsflagge im linken oberen Feld wurde durch das Hakenkreuz ersetzt.

       


Vom 5. bis 8. Juli 1934 fand in Windhoek der "Tag der Deutschen Jugend" statt, zu dem von Lossnitzer aufgerufen hatte. Am ersten Tag begrüßte er die aus allen Teilen Süd- und Südwestafrikas angereisten Jugendlichen. Am Abend des 6. Juli gab es einen Fackelzug durch die Stadt. Anschließend führte die N.S.D.A.P. - Ortsgruppe Hanns Johsts Schauspiel „Schlageter“ auf, was bei den Jugendlichen eine aufwühlende Wirkung hatte, so dass sie das Horst-Wessel-Lied anstimmten.

Anmerkung: Das Schauspiel beschäftigt sich mit dem Freikorpskämpfer Albert Leo Schlageter, der während der Ruhrbesetzung (1923) von einem französischem Militärgericht zum Tode verurteilt wurde, da er Anschläge auf militärische Verkehrsverbindungen verübt hatte. Johst stilisierte ihn zum „ersten Soldaten des Drittes Reiches“.

Am 8. Juli fand ein Aufmarsch durch Windhoek statt. Landesjugendführer von Loßnitzer führte den Umzug in HJ-Uniform mit Hakenkreuzarmbinde und HJ-Fahne an.
Der Aufmarsch endete mit einem Bekenntnis zum nationalsozialistischen Deutschtum.


Tag der deutschen Jugend Afrikas,1934, Holzschnitt von J. Voigts mit demWindhoeker Reiterdenkmal
(auf der Fahne vorne das Nazisymbol, geschwärzt)
 


Eindeutig war dieser „Tag der Deutschen Jugend“ nicht nur ein Verstoß gegen be-stehende Verordnungen im Mandatsgebiet, sondern vor allem eine Provokation der südafrikanischen Regierung.
So blieb es nicht aus, dass Erich von Loßnitzer wenige Tage nach dieser Nazi-Demonstration des Landes verwiesen wurde. Die Hitler Jugend, Pfadfindergruppen, Publikationen mit hetzerischem Inhalt, Uniformen, Abzeichen und Fahnen wurden verboten. Bei Verdacht mussten Pfadfinderinnen mit Leibesvisitationen rechnen.



Seltene PK vom 7. Januar 1935 aus Otue nach München. Links oben das Siegel des DPB Swakopmund
Im letzten Satz teilt der Absender mit, „dass die Pfadfinder zur Zeit aufgelöst seien“


Nachdem die Wogen der politischen Erregung geglättet waren, entschloss man sich im Mai 1935 zu einer Neugründung der deutschen Pfadfinderorganisation in SWA. Da die Behörden das Wort „Bund“ im Namen der neuen Organisation untersagten, nannte man sich „Deutsche Pfadfinder von Südwestafrika“. Der seitwärts hochgekrempelte Hut mit der schwarz-weiß-roten Kokarde durfte als Traditionsmerkmal weiter getragen werden. Auch die schwarz-weiß-rote Reichskriegsflagge der Kaiserzeit konnte innerhalb der Pfadfinderfahne gezeigt werden. Natürlich war das Hakenkreuz verboten. Das Abzeichen der Pfadfinder blieb der Weißdorn auf nunmehr graugrünem Hemd.

Es entstanden alsbald 13 Horste mit etwa 1.200 Jungen und Mädchen. Das Höchstalter wurde auf 17 Jahre begrenzt. Es entstand sogar ein Spielmannszug.


Pfadfinderausweis des Deutschen Pfadfinderbunds von Südwestafrika, Horst Windhoek.
Ausgegeben im November 1935


1937 schrieb Heinz Anton Klein-Werner das "Südwesterlied" für die Pfadfinder. Es wurde die inoffizielle Landeshymne der deutschen Siedler.
Die ersten 4 Zeilen lauten:

Hart wie Kameldornholz ist unser Land
Und trocken sind seine Riviere.
Die Klippen, sie sind von der Sonne verbrannt,
und scheu sind im Busche die Tiere.
Und sollte man uns fragen:
Was hält euch denn hier fest?
Wir könnten nur sagen:
Wir lieben Südwest!


Ab 1938 wurde dann monatlich die Zeitschrift „Der Pfadfinder“ verbreitet. In der ersten Ausgabe hieß es unter anderem:



„Wir verdanken diese Neugründung nicht zuletzt dem Entgegenkommen und der Einsicht unserer Regierung im Mandatsgebiet Südwestafrika, die uns Vertrauen entgegenbringt dank unserer freundschaftlichen Beziehungen zu den Boy Scouts of South Africa und den Voortrekkers. Unsere Jugendbewegung betreibt keine Politik! Wir sind jetzt südafrikanische Untertanen, aber deutsch geboren und werden Deutsche bleiben“.



Bei einem Turnfest 1939 in Lüderitzbucht provozierten diese Fanfarenbläser aus den Reihen der Pfadfinder die Polizei im Mandatsgebiet (trotz Verbots) mit der Siegrune des Deutschen Jungvolks in Deutschland. Es passierte .............nichts.


Beim Ausbruch des II. Weltkriegs 1939 wurden die Pfadfinder erneut verboten.
Erst in den sechziger Jahren konnte sich der „Deutsche Pfadfinderbund Südwestafrika“ wieder formieren.
Nach der Unabhängigkeit Namibias von Südafrika 1990 hieß der Zusammenschluss „Deutscher Pfadfinderbund Namibia“.



Abzeichen des Deutschen Pfadfinderbunds Namibia


Der Bund pflegte intensiv das deutsche Erbe, was Kritik hervorrief. Es wurde 1992 eine Gedenkfahrt zum Grab von Theodor Leutwein, einst Befehlshaber der Schutztruppe und Gouverneur, nach Freiburg organisiert und in Windhoek das Denkmal für Deutsches Erbe und Theodor Leutwein errichtet. (Anmerkung: Als 1904 der Aufstand der Herero ausbrach, versuchte Leutwein eine Verhandlungslösung zu erreichen, was ihm als Schwäche ausgelegt wurde. Das Kommando über die Schutztruppe wurde deshalb Generalleutnant Lothar von Trotha übertragen, der die Vernichtung der Herero betrieb).

2003 verbot die neue Regierung eine Feier der Pfadfinder zum "Herero-Tag". (Anmerkung: Der Herero-Tag wird alljährlich vom Herero-Volk am letzten Wochenende im August in Okahandja zum Gedenken an die Schlacht vom Waterberg 1904, bei der einige Tausend Herero umkamen, gefeiert).

Zur Zeit zählt der Bund nur wenige Mitglieder und ist bedeutungslos. Die Altpfadfinder-Gilde Swakopmund ist außerordentliches Mitglied des Verbandes deutscher Altpfadfinder-Gilden.

Ab und zu gab und gibt es Kontakte zu deutschen Pfadfindern.

Quellen
: Golf Dornseif „Südwester Pfadfinder zwischen allen Fronten (www.golfdornseif.de)
            
Rüdiger Tellenkamp „Steinige Schicksalswege der Deutschen Kolonial-Pfadfinder“
          
Internet - Recherchen


Anhang


Gemäß dem Vertrag von Versailles musste Deutschland nach dem verlorenen I. Weltkrieg alle Kolonien abtreten. Rechtsgerichtete Kreise und Parteien opponierten immer wieder gegen diese Anordnung der Alliierten.
Es wurden u.a. Inflationsmarken mit privatem Aufdruck wie „Gebt Deutschland seine Kolonien wieder!“ und diverse Vignetten gedruckt.

         


Anfangs griffen die Nazis diese Forderung auf, später hatte dann die Schaffung neuen „Lebensraums“ in Osten Vorrang.  

Interessant sind diese Worte von Konrad Adenauer seinerzeit Oberbürgermeister der Stadt Köln und 1931/32 stellvertretender Präsident der Deutschen Kolonialgesellschaft:

„Das Deutsche Reich muss unbedingt den Erwerb von Kolonien anstreben. Im Reiche selbst ist zu wenig Raum für die große Bevölkerung. Gerade die etwas wagemutigen, stark vorwärts strebenden Elemente, die sich im Lande selbst nicht betätigen konnten, aber in den Kolonien ein Feld für ihre Tätigkeit finden, gehen uns dauernd verloren. Wir müssen für unser Volk mehr Raum haben und darum Kolonien“.


Im August 1939 erschien das ehemalige NS-Blatt „Frauen Warte“ mit einem Foto mehrerer deutscher Pfadfinder auf der Vorderseite. Die Unterschrift lautet: „Deutsche Kolonialjugend in Afrika / dahinter das deutsche (!!) Windhuk“.



Im Innern des Blattes findet sich ein Artikel über „Die Kolonialjugend in Deutschland“. Dieser Artikel beschäftigt sich natürlich nicht
mit den Pfadfindern in SWA (die waren längst verboten), sondern mit der Erziehung und Ausbildung der „jungen deutschen Menschen aus unseren (!!) Kolonien“.
An einer Stelle heißt es: „Da die gesamte deutsche Jugend hier in Deutschland mit allen deutschen Jungen und Mädeln jenseits unserer Staatsgrenzen – und dazu gehören unsere alten Kolonien – eine blutsmäßige und volkliche Einheit bilden, kann auch ihre Erziehung nur nach gleichen Zielen und Gesichtspunkten und auf gemeinsamer Grundlage erfolgen“.

Was die Erziehung der deutschen Jugend damals bewirkt hat, ist hinlänglich bekannt.

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